Vor 40 Jahren stand im Wohnzimmer ein Wählscheibentelefon, daneben der Röhrenfernseher mit drei Kanälen. 10 Jahre später führte uns das krachende Modem ins Internet - wozu E-Mail, fragten die Skeptiker. Mit dieser Zeitreise eröffnete Obmann Thorsten Peisl den Abend und führte weiter über Smartphone und Social Media bis ins Heute: „Heute stehen wir vor KI und Robotik."
Die These: Aktuelle technologische Erungenschaften (wie KI) werde unsere Gesellschaft tiefer und schneller verändern als die Dampfmaschine. Viele sind überwältigt von der Geschwindigkeit der Entwicklung. Rückzug sei keine Antwort - es brauche Orientierung und es ist essentiell, die richtigen Fragen zu stellen.
Drei profilierte Stimmen aus drei sehr unterschiedlichen Welten saßen am Podium. Über zweieinhalb Stunden diskutierten sie miteinander und mit 300 Gästen im Publikum. Kritische Fragen mit Anworten, ohne Ermüdung, mit Begeisterung, bis zum Schluss - und Wirkung bis heute.
Mit der Besetzung dieser Veranstaltung setzte der Verein einen neuen Meilenstein und verkündete dabei die jüngste Initiative in Kooperation mit der AI-Factory Austria und der Universität Innsbruck.
Zukunft passiert nicht, Zukunft wird gestaltet. Hierfür setzen sich der Verein ein.

Christoph Holz
Als Diplom-Informatiker, Raumfahrttechniker, Hochschullehrer für Digitale Ethik und selbsterklärter Cyborg, vertrat Christoph Holz den optimistischen Blick: Die digitale Revolution sei die erste, in der Macht nicht verschoben, sondern abgeschafft werde. Liefen Open-Source-Modelle auf dem Heimrechner, verschwinde die Abhängigkeit von den Konzernen. Das eigentliche Geschenk der KI aber sei zurückgewonnene Zeit für menschliche Beziehung — und gerade dort lägen die Kleinen und Mittelbetriebe vorn.
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Lisa Höllbacher
KI-Expertin, Unternehmensgründerin und Forbes-30-under-30-Preisträgerin, lenkte Lisa Höllbacher den Blick vom System auf den Menschen: Technologie sei im Kern neutral, ein Spiegel unserer selbst — entscheidend sei nicht, was KI könne, sondern wozu wir sie wollten. Diese Frage könne keine Technologie beantworten, nur wir selbst, und nur gemeinsam. Ihr Gegenmittel gegen die Lenkbarkeit der Masse: weniger Individualität, mehr Gemeinschaft — entweder gewinnen wir alle, oder wir verlieren alle.
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Richard David Precht
Vom Vereins Obmann mit den Worten angekündigt, „möge uns seine reine Vernunft heute inspirieren". Precht parierte sofort: „Mich mit Immanuel Kant zu vergleichen, bitte tu das nicht. Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen." Damit war der Ton gesetzt. Philosophen, sagt er, seien keine Experten, sondern „Spezialisten für das Allgemeine". Ihre einzige Kompetenz sei „Inkompetenz-Kompensationskompetenz" — die Inseln des Spezialwissens über das Meer der allgemeinen Inkompetenz zu verbinden.
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Über den Abend hinweg entfaltete Precht seine zentralen Thesen - mal in scharfem Konter auf die anderen beiden, mal mit ihnen einig. Sein Ausgangspunkt: Das demokratische „Wir", auf das sich in der Debatte so vieles beruft, sei in der technischen Entwicklung gar nicht der Spieler. Vier oder fünf große Unternehmen hätten mehr Einfluss als der gesamte Kontinent Europa.
Was KI uns gebe, sei einerseits eine Befreiung vom Herrschaftswissen — ein Freund von Precht habe großartige Musik komponiert, ohne je ein Instrument gelernt zu haben. Andererseits generierten wir damit „Erkenntnisse ohne Erfahrung". Das humboldtsche Bildungsideal, den langsamen Aufbau einer inneren Welt, werde abgeschnitten. Sein Sohn schreibe seine Hausarbeiten an der Universität mit ChatGPT, und Precht fragt: „Wozu gibt es da noch eine Uni?"
Daraus entwickelte sich seine eindringlichste politische Diagnose: die Refeudalisierung. Die bürgerlich-liberale Ordnung der letzten 250 Jahre habe auf der Idee gleicher Grundchancen geruht — die neue Datenökonomie sei strukturell eine Ungleichheits-Ökonomie, in der die Herren der Daten keine Chancengleichheit entziehen.
Tags zuvor habe er in St. Gallen einen Vortrag mit dem sinngemäßen Titel „The Return of the Kings" gehört: Karp, Thiel, Musk, Bezos, Zuckerberg. Die liberalen Demokratien stünden mit dem Rücken zur Wand. „Wir fürchten uns wie Bolle vor Wladimir Putin — aber vor denen, die tatsächlich unsere Freiheit reduzieren, fürchten wir uns ja noch nicht mal."
Über Regulierung sei diese Schlacht nicht mehr zu gewinnen, hier blieb Precht nüchtern. Der Motor des technischen Fortschritts sei nicht die Freiheit, sondern der Komfort — und der breche alle Dämme. Auf die ehrliche Frage „Smartphone oder Wahlrecht — auf was verzichten Sie eher?" fürchteten wir uns vor der Antwort.
Und doch, am Ende einer philosophischen Publikumsfrage, ob wir die Demut hätten, eine höhere Intelligenz als nächste Stufe der Evolution zu akzeptieren, kam Prechts kürzeste und schärfste Antwort: „Ich nicht." Macht zu wollen sei animalisches Erbe aus Trieben und Körperlichkeit, nicht aus Intelligenz. Eine Maschine ohne Körper habe keine Triebe — der Bösewicht sei also nicht die Maschine, sondern der Mensch, der sie mit seinen eigenen programmiert.
Mit der ersten Publikumsfrage übernahm der jüngste Anwesende das Mikrofon. Noah, 13 Jahre alt: „Ich frage mich jeden Tag in der Schule, wozu lerne ich das überhaupt noch? Welche Berufe würden Sie mir empfehlen, die in 15 Jahren einen Wert haben und die KI nicht einfach besser können wie ich?"
"Philosoph" war ein spontaner Einwurf von Christoph Holz und ohne zögern widmet Precht seine Antwort den Kindern und der Gesellschaft im Raum: „Philosoph wäre eine gute Antwort." Aus dem Witz wurde dann eine der ernsthaftesten Passagen des Abends. Mit 13 solle Noah sich gerade nicht festlegen - die Berufe, die wirklich zählen werden, gebe es noch gar nicht. Entscheidend sei, dass Schule seine Neugier nicht zerstöre. „Wenn du die Fähigkeit nicht verlierst — trotz Schule — für etwas zu brennen, mache ich mir keine Sorgen, dass du das Richtige findest."
Saal bedankte sich live mit Applaus. Wir haben Noah gebeten einen Erfahrungsbericht aus seiner Sicht zu verfassen und freuen und diesen hier zu veröffentlichen.
Als Lisa Höllbacher vorschlug, in Zukunft sei Kapital vielleicht nicht mehr Geld, sondern Zeit, und Christoph Holz seine These einer klassenlosen Maschinengesellschaft entwickelte, kommentierte Precht zur Heiterkeit des Saales: „Ich finde, die beiden Marxisten sollten sich zusammensetzen."
Als Holz später behauptete, Facebook könne uns gar nicht aktiv abhören, konterte Precht ruhig: Natürlich höre niemand jedes Handy live ab. „Aber alle diese Daten sind da. Sie werden konserviert und sie sind abrufbar. Und das reicht mir als Gefahr."
Gregor Gebhardt bat Precht, seiner Frau zu erklären, warum Langeweile für Kinder wichtig sei. Precht antwortete mit der Anekdote seines Sohnes auf die selbe Frage, der „Papa, das ist ein Scheißwitz" geschimpft habe — bis nach fünf, zehn, fünfzehn Minuten doch immer etwas anfange. Und zur ebenfalls gestellten Frage nach der Streitkultur: „Wir müssen Streit wieder aushalten. Max Frisch hat immer gesagt, die Schweiz hat keine Streitkultur — er hat neidisch nach Österreich geguckt. Hier geht das ja noch."
Drei sehr unterschiedliche Denkfiguren, drei Linien, die am Ende offen blieben — und das war richtig so. Holz' Zuversicht, dass die Digitalisierung Macht nicht bloß verschiebt, sondern abschafft und das Große zugunsten des Kleinen entmachtet; Höllbachers Ruf nach digitaler Souveränität und nach der Frage, wozu wir die Technik überhaupt wollen; Prechts Warnung vor einer Refeudalisierung, die in den Wahlprogrammen unserer Parteien überhaupt nicht vorkommt. Was an einem Abend wie diesem bleibt, ist nicht die fertige Antwort, sondern die geübte Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen — und sie auszuhalten, auch wenn sie uns streiten lassen.
Vom Kitzbuehel Digital Verein begleiten durch den Abend:

Prof. Dr. Winfried Schwatlo
Experte für Kommunikation & Konfliktlösungen in wirtschaftlichen und öffentlichen Projekten

Thorsten Peisl
Obmann Kitzbühel Digital & Unternehmer
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