Vor rund hundert Jahren fuhr Erwin Schrödinger für zwei Wochen in die Berge. Mit dabei: Ruhe, gutes Essen und – wie es die Wissenschaftsgeschichte diskret vermerkt – angenehme Gesellschaft. Zurück kam er mit der Wellengleichung, mit der bis heute jedes Quantenlehrbuch beginnt.
Mit diesem Bild eröffnete Thorsten Peisl, Obmann von Kitzbühel Digital, den Abend am Wilden Kaiser: „Die historisch belegten Voraussetzungen für einen Quantendurchbruch sind heute Abend hier am Stanglwirt also erfüllt. Eines allerdings hat Schrödinger gefehlt: das Kapital. Und genau das ist der Unterschied heute Abend – hier sitzen Wissenschaft und Kapital im selben Raum. Das ist seltener, als es sein sollte."
Eingeladen zu dem Abend hatten neben Kitzbühel Digital und Onsight Ventures zwei Cousins und gleichzeitig zwei Weltklassen: Balthasar Hauser, Hausherr des Stanglwirt, übernahm den Betrieb mit 19 Jahren und machte aus der 400 Jahre alten Bauernhof-Herberge ein Fünf-Sterne-Bio- und Wellnessresort. Sein Cousin Dr. Hermann Hauser, KBE, ist in einer anderen Disziplin Weltklasse: in Tirol aufgewachsen, in Cambridge promoviert, gründete er 1978 Acorn, war 1990 am Spin-out von ARM beteiligt, dessen Chip-Designs heute in praktisch jedem Smartphone stecken. Seit Jahren gilt er auf europäischer Ebene als „Godfather" des European Innovation Council – für den von ihm konzipierten Fund mit einer Zielgrösse von fünf Milliarden Euro.

Im Eröffnungsgespräch zeigte Hermann Hauser, in welchen Größenordnungen sich die technologische Wertschöpfung heute bewegt: ARM habe in drei Jahren so viel an Wert zugelegt wie die gesamte Automobilbranche in hundert Jahren. Die Zahlen stützen das – beim Börsengang 2023 lag die Bewertung bei rund 50 Milliarden Dollar, heute bei über 250 Milliarden, erwirtschaftet von einem Unternehmen, das Chip-Architekturen lizenziert.

Fotocredit: Onsight Ventures
Seine zweite Botschaft war unbequemer: Europa hänge seit rund zehn Jahren hinter den USA her. Nicht bei den Ideen – die Forschung sei exzellent, Innsbruck ein Musterbeispiel –, sondern bei der Wertschöpfung, weil die entscheidenden Investments in den USA getätigt werden. Passend dazu die Kennzahl aus dem Global Deep Tech Report 2026: Europa stellt rund 45 Prozent aller Deep-Tech-Startups, erhält aber nur 17 Prozent des Kapitals. Onsight Ventures ist genau für diese Lücke aufgestellt – und sitzt bewusst in Innsbruck.
Innsbruck ist heute einer der Hauptorte für Quantenphysik und der Geburtsort des Quantencomputings. 1995 veröffentlichten Ignacio Cirac und Peter Zoller hier den ersten Bauplan für einen Quantencomputer auf Basis gefangener Ionen; gemeinsam mit Anton Zeilinger und Rainer Blatt machten sie die Stadt zum Quanten-Hotspot. 2022 ging der Physik-Nobelpreis an die Verschränkungsexperimente. Heute sind daraus mit AQT, ParityQC, QND und weiter Unternehmen hervorgegangen, seit 2025 gebündelt im Quantum Hub Tirol.
Weltweit ist Tirol exzellent positioniert, denn Quanten-Talent ist knapp, eine Technologie-Konsolidierung läuft, die Geopolitik treibt das Thema und die ersten erfolgreichen Börsengänge werden begrüsst: 2021 ging IonQ an die Börse, D-Wave und Rigetti 2022, 2026 folgten Horizon Quantum, Quantinuum und IQM.
Was ist ein Quant?
"Quantum" ist lateinisch für "wie viel" und bedeutet in der Physik: die kleinstmögliche Portion von etwas, die sich nicht weiter aufteilen lässt.
Der beste Alltagsvergleich ist Geld. Man kann mit 1 oder 2 Cent zahlen, aber nicht 1,5 Cent. Der Cent ist das Quantum des Geldes.
Ein anderes Bild: eine Treppe im Vergleich zu einer Rampe. Auf einer Rampe kannst du auf jeder beliebigen Höhe stehen. Auf einer Treppe nur auf Stufe 1, Stufe 2, Stufe 3.
Die Physiker um 1900 dachten, die Welt sei eine Rampe. Max Planck fand heraus, dass sie in Wirklichkeit eine Treppe ist, zumindest im ganz Kleinen.
Was ist ein Qubit?
Unsere heutigen Computer rechnen im Kern mit Bits. Ein normales Bit kennt nur zwei Zustände: 0 oder 1. Wie eine Münze, die auf dem Tisch liegt – sie zeigt entweder Kopf (1) oder Zahl (0). Alle Daten auf deinem Handy sind letztlich riesige Abfolgen von Nullen und Einsen.
Ein Qubit kann ebenfalls 0 oder 1 sein, aber dank der Gesetze der Quantenmechanik auch beides gleichzeitig – und jeden beliebigen Zustand dazwischen. Man kann sich eine Münze vorstellen, die in der Luft rotiert. Während sie sich dreht, ist sie nicht eindeutig Kopf oder Zahl, sondern eine Mischung aus beidem. Diesen Zustand nennt man Superposition (Überlagerung).
... und Verschränkung?
Quantenverschränkung ist die seltsamste Zutat. Zwei Qubits lassen sich so präparieren, dass sie sich wie ein einziges Objekt verhalten. Ein Bild dafür: ein Paar magische Würfel. Jeder für sich zeigt zufällige Zahlen – wirft man sie gleichzeitig, zeigen beide immer dieselbe, auch wenn einer in Kitzbühel liegt und der andere in Kyoto. Einstein nannte das die „spukhafte Fernwirkung", der Begriff selbst stammt von Schrödinger. Nützlich ist Verschränkung als Ressource: Sie macht Sensoren empfindlicher, als die klassische Physik zulässt, und macht Abhören physikalisch bemerkbar – weil jede Messung den Zustand verändert, hinterlässt ein Lauscher Spuren.
Onsight Ventures, Innsbruck
Deep-Tech-Fonds, 2021 von Jasmin Güngör und Klaus Grössinger als Spin-off aus Hermann Hausers Family Office gegründet. Fund I umfasst 21 Investments in Quantentechnologie, Halbleiter, KI und Biotech, darunter Black Semiconductor, QuantumDiamonds und ZuriQ; Fund II fokussiert auf New Compute, Quantum, KI und Techbio.
Universität Innsbruck
Prof. Wolfgang Dür leitet das Institut für Theoretische Physik an der Uni Innsbruck und gilt als Mitbegründer des Forschungsfelds Quantennetzwerke. Sein Impulsvortrag führte von der Verschränkung zu den Anwendungen und zu dem Befund, dass nur Quantenkryptografie beweisbar sicher ist. Aus seiner Gruppe ist Ende 2023 QND – Quantum Network Design hervorgegangen: Der Simulator lässt teure Quantennetzwerke durchrechnen, bevor sie gebaut werden.
zerothird, Wien
Lukas Helm, MSc vertrat das Unternehmen aus der Tradition der Wiener Quantenoptik rund um Anton Zeilinger. zerothird liefert verschränkungsbasierte Quantenschlüsselverteilung (Quantum Key Distribution) als Dienstleistung. Damit sichert das Unternehmen Kommunikationsstrecken ab, die nicht abhörbar sind. Zwischen Wien und Frankfurt wird gerade eine der ersten diese sicheren Kommunikationsstrecken für die Erste Bank gebaut.
ParityQC, Innsbruck
Dr. Valentin Stauber kam für das Spin-off der Universität Innsbruck, das keine Quantencomputer baut, sondern deren Baupläne und Betriebssystem lizenziert. NEC nutzt die Architektur exklusiv, das Unternehmen ist seit 2023 profitabel – eine Seltenheit in der Branche. Ein Lehrstück in europäischer Wertschöpfung: global lizenzieren, das geistige Eigentum in Europa halten.
Bundesministerium für Landesverteidigung, Wien
Mag. Daniel Hikes-Wurm thematisierte unter anderem ein akutes Problem: „harvest now, decrypt later" – Angreifer sammeln bereits heute verschlüsselte Daten, um sie zu entschlüsseln, sobald leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind. Alles, was in zehn oder zwanzig Jahren noch sensibel ist, ist damit schon jetzt gefährdet. Wie schnell sich dieses Fenster schließt, zeigt der geschätzte Bedarf an Qubits, um gängige Verschlüsselungsmethoden wie RSA-2048 zu brechen: 2012 lag er noch bei rund einer Milliarde Qubits und heute unter 100.000. Der „Q-Day" - der Tag an dem unsere Verschlüsselungssysteme durch Quatentechnologie geöffnet werden, rückt also auch durch klügere Mathematik näher und Post-Quantum-Kryptografie ersetzt heutige Verfahren durch neue, für die kein Quantenangriff bekannt ist.
Kitzbühel Digital Mitglieder finden die Präsentationen des Abends im online Portal (DataHub).

Dr. Lukas Helm, Klaus Grössinger, Dr. Hermann Hauser, Mag. Daniel Hikes-Wurm, Jasmin Güngör, Dr. Valentin Stauber und Thorsten Peisl
Fotocredit: Kitzbüheler Anzeiger, Gahler
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